Guckige Pferde können den Reiter in den Wahnsinn treiben. Doch sieht ein Pferd nur eingeschränkt, kann das noch viel größere Probleme mit sich bringen.

 

Das Pferd ist als Fluchttier maximal auf seine Sinne angewiesen: es hört die kleinsten Geräusche, kann mit seinen feinen Tasthaaren seine Umgebung abtasten und schmeckt, ob die Wiesenkräuter zart oder bitter sind. Essentiell ist auch die Sehkraft. Eine Pferdeauge kann weit in die Ferne blicken und nimmt die kleinsten Bewegungen wahr, denn nur so können potentielle Raubtiere schnell ausgemacht werden. Ist die Sehkraft behindert, so kann dies – neben eventuellen Schmerzen am Auge selber zu Panikreaktionen sowie untypischen Verhaltensweisen wie plötzliche Unrittigkeit, Scheuen oder Verweigern führen.

Das Sichtfeld eines Pferdes ist nicht mit dem eines Menschen vergleichbar. Während wir „stur geradeaus blicken“ hat das Pferd einen 180 Grad Rundumblick. Grund hierfür ist die Lage der Pferdeaugen seitlich am Kopf. Diese anatomische Lokalisation macht den „Fish-Eye-Objektiv“ Blick eines Pferdes möglich, verhindert jedoch gleichzeitig, dass Dinge, die sich genau frontal vor oder hinter dem Pferd befinden, wahrgenommen werden können. Die beiden „Toten Winkel“ des Pferdeauges müssen vor allem Pferdeanfängern von Beginn an eingeschärft werden, denn eine streichelnde Hand, die von frontaler Richtung kommt, kann schnell eine Panikattacke auslösen. Auch ein Annähern von hinten ist eher ungünstig, um mit dem Pferd vertrauensvoll Freundschaft zu schließen. Eine weitere Besonderheit ist die Ausrichtung des Pferdeauges nach unten, weswegen Gegenstände am Boden zu einem gruseligen Hindernis werden können. Als Reiter sollte man deswegen stets versuchen die Welt ein wenig durch Pferdeaugen zu betrachten, um mögliche „Gefahren“ ebenfalls schnell auf dem Schirm zu haben und entsprechend reagieren zu können. Das verhindert im Bestfall von seinem Pferd und den scheinbar imaginären Gespenstern überrascht zu werden.

 

Eingeschränktes Farbsehen und gute Orientierung in der Dämmerung

Um Dinge scharf zu fokussieren, muss das Pferd seinen Kopf in die Richtung bewegen, wobei es wirklich scharf nur bis zu einer Entfernung von ungefähr 10 Metern sehen kann. Alle Sachen, die weiter entfernt sind, werden nur verschwommen wahrgenommen. Im Gegensatz zum Menschen sieht ein Pferd zudem nur eingeschränkt Farben. Die Farbenwelt eines Pferdes kann man sich wie durch einen Grauschleier vorstellen: zwar erkennt es die unterschiedlichen Töne, jedoch haben diese alle einen Graustich. Die eingeschränkte Sehfähigkeit für Farben liegt in der verminderten Anzahl sogenannter Zapfen innerhalb des Pferdeauges. Als Zapfen werden die Sinneszellen bezeichnet, die für die Farbverarbeitung im Sehorgan verantwortlich sind. Ausgeprägt im Pferdeauge sind hingegen die Stäbchen, welche Sinneszellen sind, die das Licht speichern und ein Sehen im Dunkeln oder in der Dämmerung ermöglichen.  

 

Der eigentliche Aufbau des Pferdeauges unterscheidet sich nicht wesentlich vom menschlichen Auge: Linse, Pupille, Netzhaut, Glaskörper, Sehnerv – das alles ist auch am Pferdeauge vorhanden. Je nach Lokalisation können beim Pferd somit ebenso vielfältige Augenerkrankungen auftreten - von Verletzungen über Bindehautentzündungen bis zu Hornhautwucherungen oder chronischen Geschehen kann das Pferd unter vielfältigen Ursachen für Augenerkrankungen leiden. Kommt der Haustierarzt nicht weiter oder liegt eine komplizierte Erkrankung vor, so muss ein Augenexperte herangezogen werden, da dieser über spezielle Geräte für Untersuchung und die anschließende Behandlung verfügt.

 

Vorsicht vor Panik Diagnosen

 

Von akuten Verletzungen am Auge und der Augenumgebung, wie Lidverletzung, Hornhautschäden oder einem Linsenvorfall, müssen chronische Leiden abgegrenzt werden. Bei chronischen Augenleiden denkt jeder Pferdeliebhaber häufig an die Horror-Diagnose „Periodische Augenentzündung“, an welcher natürlich nicht jedes Pferd mit einem entzündeten „Matsch-Auge“ leidet. Bei Entzündungen muss sehr genau differenziert werden. Welcher Teil des Auges ist betroffen, welche Symptome treten auf und wie lange bestehen die Beschwerden. Bei der Augenuntersuchung wird nicht nur das Auge und der Augapfel begutachtet, sondern auch alle angrenzenden Bereiche. Zudem sollte das Tier insgesamt klinisch untersucht werden, da jede Augenveränderung häufig Folge einer allgemeinen Erkrankung sein kann. Wichtig für die richtige Diagnose sind zudem Alter, Rasse, vorherige und aktuelle Erkrankungen, Lebensraum und Herkunft. Während der Untersuchung muss das Licht in der Umgebung gedämpft sein, um keine verfälschten Ergebnisse zu bekommen. Bei schmerzhaften Prozessen wird das Auge für die Untersuchung lokal mit Augentropfen betäubt. Mittels spezieller Lichtquellen und Augen-Lupen kann das Auge auf jeder Ebene durchleuchtet und untersucht werden, bis hin zum Augenhintergrund. Dies ist auch wichtig, um eventuelle Fremdkörper im Auge zu lokalisieren.

 

Finger weg von gefährlicher Eigentherapie oder “Doktor Google”

 

Unabhängig davon, was als Ursache festgestellt wird – eine Augenentzündung sollte immer ernst genommen werden. Wartet man zu lange, kann es sein, dass sich das Pferd sein Auge aufreibt oder Bakterien eindringen und ein Infekt die Sehkraft zerstört. Zudem ist ein Pferd grundsätzlich selbstzerstörerisch veranlagt und somit wird gescheuert, wenn es juckt - und zwar bis das Auge unter Umständen nachhaltig geschädigt ist.

 

Ein häufiger Fehler der „Do it Yourself Augen Erstversorgung“ ist es, alte Salben zu benutzen. Eine Augensalbe ist, unabhängig vom Verfallsdatum, nach dem Öffnen schnell unbrauchbar und kann nicht länger als 6 Wochen aufgehoben werden. Auch nicht im Kühlschrank! Im schlimmsten Fall ist die Salbe zudem nicht für den Schaden geeignet und führt zu weiteren Schädigungen, wie zum Beispiel eine Kortison-Salbe bei Verletzungen. Ein Defekt heilt bei Kortison-Gabe deutlich schlechter. Das Kortison fördert die Vermehrung von Bakterien und somit die Zerstörung des Auges. Bitte deswegen nie irgendwelche alten Augensalben in ein akut erkranktes Auge schmieren. Auch nicht, wenn die Salbe einst vom Tierarzt abgegeben wurde. Weitere Faustregel ist „eine Salbe pro Pferd“, denn  Augensalben müssen immer Pferde gebunden verwendet werden. Nur so wird sichergestellt, dass keine Erreger übertragen und Augeninfekte ausgelöst werden.

 

Symptome am Pferdeauge

 

Leitsymptom fast aller Augenerkrankungen ist ein vermehrter Tränenfluss. Durch das Überfließen der Tränenflüssigkeit und die Absonderung von Entzündungs Produkten entsteht auf dem Fell unter dem Auge ein nasser Streifen, der schnell verklebt. Folge dieser Tränenspur sind Verkrustungen, Hautentzündungen und Weißfärbung der Haare. Der betroffene Bereich muss gründlich gereinigt und mit milden Wundsalben behandelt werden, um die gereizte Haut vor dem aggressiven Tränenfluss zu schützen. Akute Verletzungen am Auge sind immer mit größter Vorsicht zu behandeln. Sollte im Augapfel selber ein Fremdkörper stecken so darf er vom Laien nicht einfach entfernt werden, da die Gefahr besteht, dass das Auge ausläuft. Da bei einem solchen Geschehen jede Minute zählt muss versucht werden, den Augapfel mit den Lidern und einem feuchten Tuch zu bedecken und diesen so zu schützen, bis ein Tierarzt erreicht ist. Eine häufige akute Erkrankung am Pferdeauge ist, neben einer Verletzung, die Entzündung der Bindehaut, die in Entstehung und Therapie mit der gleichnamigen Erkrankung beim Menschen zu vergleichen ist. Sie ist an einem deutlich geröteten Auge zu erkennen und tritt selten als alleinige Erkrankung auf. Ursache für sie kann ein Fremdkörper, eine Verletzung, eine Allgemeinerkrankung oder eine Stoffwechselstörung sein. Kennzeichnend sind vermehrter Tränenfluss, rote Bindehäute, Schmerzhaftigkeit und verstärktes Blinzeln. Behandelt wird die Konjunktivitis über eine Spülung des Auges und die Therapie ihrer primären Ursache (Fremdkörper entfernen, Infekt behandeln usw.) Des Weiteren sind antientzündliche, reizlindernde Augensalben das wichtigste Werkzeug zur Therapie. Mindestens 5-mal am Tag muss diese aufgetragen werden.

 

Chronische Probleme am Pferdeauge

 

Eine häufige Folge von Entzündungen, Verletzungen oder Fremdkörpern sind Hornhautulzerationen am Pferdeauge. Ursache für die verdickte und gestörte Hornhaut können neben akuten Traumen auch Fehlstellungen der Lider, eine zu geringe Tränenflüssigkeit oder andere Funktionsstörungen am Auge sein. Durch den entstehenden Defekt an der Hornhaut wird die Barriere-Funktion dieser aufgehoben. Mikroorganismen und Pilze können ungehindert eindringen und es kommt  zu einer Infektion. Die klassischen Symptome einer Hornhautulzeration sind Spasmus, Trübung, zähflüssiger Augenausfluss und eine sichtbare und zunehmende Verdickung der Hornhaut. Durch eine fortschreitende Entzündung kann es zu Auflösungsprozessen an der Hornhaut kommen. Da das Pferd unter starken Schmerzen leidet, muss es für die Behandlung ruhig gestellt werden. Nach Entfernung der Ursache, wird das Auge mit gezielten Antibiotika und Schmerzmitteln behandelt. Je nach Ausprägung kann auch ein chirurgischer Eingriff nötig werden. Schmerzhafte Probleme am Auge können auch durch eine Veränderung des inneren Augendrucks entstehen. Erhöht sich dieser spricht der Fachmann von einem Glaukom, besser bekannt als Grüner Star. Der Augendruck ergibt sich aus der Hülle des Auges (Horn- und Lederhaut) und dem im Augapfel befindlichen Kammerwasser, was kontinuierlich produziert wird. Über ein Abflusssystem wird das Kammerwasser laufend dem Blutkreislauf zugeführt. Ist dieser Abfluss gestört, steigt der Augendruck. Der erhöhte innere Augendruck führt zur Schädigung, vor allem an der Netzhaut (Retina), welche je nach Höhe und Dauer des Augendruckes schneller oder langsamer ihre Funktion verliert. Die Folge ist Erblindung.

 

Erste akute Symptome eines Glaukoms sind ein Zukneifen des Auges, gerötete Bindehaut, Trübung der Hornhaut und ein weite Pupille. Manche Tiere zeigen auch nur ein verändertes Verhalten und werden ungewohnt ängstlich. Ziel der Therapie ist es, möglichst rasch den erhöhten inneren Augendruck zu senken, um eine Schädigung der Netzhaut und die Schmerzen für das Tier zu stoppen.

 

Supergau: Die periodische Augenentzündung

 

Gefürchtetste Diagnose am Pferdeauge bleibt jedoch unangefochten die „Periodische Augenentzündung“. Sie ist zugleich die häufigste Augenerkrankung, unter der weltweit 12 Prozent aller Pferde leiden. Es handelt sich um eine, in unbestimmten Abständen, wiederkehrende Entzündung des Auges. Die Ursache für diese Entzündungsschübe ist bis heute nicht vollständig geklärt. Es wird jedoch eine immunvermittelte Reaktion vermutet, die durch eine Infektion mit Bakterien der Gattung Leptospira ausgelöst wird. Pferde infizieren sich häufig über den Urin von Ratten und Mäusen mit diesem Erreger. Bei einigen Pferden gelangt der tückische Erreger nicht nur in die Blutbahn, sondern in ein oder beide Augen und führt dort zu einer Immunantwort des Körpers. Durch die immer wiederkehrende Entzündung kommt es zur Schädigung der verschiedensten inneren Strukturen des Auges, bis hin zu einer Ablösung der Netzhaut. Dies führt schließlich zur Erblindung des Auges. Die Periodische Augenentzündung ist nicht heilbar und verursachte bleibende Schäden am Auge. Durch die Gabe von Entzündungshemmern und Kortison werden Schmerzen gelindert und Entzündungsfolgen abgemildert. Als weitere Therapie gibt es chirurgische Möglichkeiten, um den Krankheitsverlauf zu verlangsamen. Fallen dem Pferdebesitzer Veränderungen am Auge des Pferdes auf, so müssen diese immer ernst genommen werden. Schäden, die rechtzeitig erkannt und fachmännisch behandelt werden, haben grundsätzlich eine bessere Aussicht auf Heilung.

 © Autorin: Hanna Katrin Stephan