Stundenlanges Ausharren in der Box ist für ein Pferd ungefähr so spannend wie für uns Zweibeiner den ganzen Tag Staubkörner zählen zu müssen. Aus Boxenfrust undLangeweile beginnen manche Pferde ihre „Inneneinrichtung“ anzunagen und dannsind Anbinde-Balken, Boxen-Tür oder Weidezaun „fällig“. Ist mit der Knabberbeschäftigung erstmal begonnen, gibt es so schnell kein Halten mehr. Es scheint so, als gäbe es kein Holz, was Pferden nicht schmeckt. Doch hier ist große Vorsicht geboten, denn nicht alle Holzarten sind wirklich verträglich und können unter Umstände sogar giftig sein.

Es gibt viele Diskussionen um die Ursache der Holzknabberei. So wird von einigen Pferdeexperten die Meinung vertreten, dass dies ein Anzeichen für einen Mineralstoffmangel sei, während andere es eher als einen Ausdruck der Langeweile sehen oder eine Protesthaltung vermuten. Auch schmerzende Zähne, vor allem bei jungen Tieren im Zahnwechsel, gelten als Antrieb für das Fressen von Holz. Um sicher zu gehen, dass der Vierbeiner nicht aufgrund von Schmerzen oder einer Mangelsituation an das Holz geht, gilt es zunächst einen kritischen Blick auf alle möglichen Ursachen zu werfen. Hierzu gehört eine Überprüfung der Zähne, die standardmäßig einmal im Jahr bei jedem Pferd durchgeführt werden sollte. Aufgrund der Gebissanatomie des Pferdes nutzen sich die Backenzähne ungleichmäßig ab, so dass an den Rändern spitze Haken entstehen. Diese müssen vom Tierarzt abgeschliffen werden. Bei Pferden im Zahnwechsel muss darauf geachtet werden, dass die Milchzähne den bleibenden Zähnen Platz machen und ausfallen. Andernfalls müssen diese gezogen werden. Ein Blick auf die Futterration hilft zu überprüfen, ob das Pferd mit allem versorgt ist, was es braucht. Wichtig ist qualitativ hochwertiges Raufutter, was uneingeschränkt zur Verfügung stehen sollte. Pferde, die auf Spänen statt auf Stroh untergebracht sind, müssen dementsprechend angepasste Heu und Stroh Rationen erhalten. Vermutet der Besitzer dennoch einen Mineralstoffmangel, so sollte ein Blutbild vom Tierarzt angefertigt werden, damit die fehlenden Stoffe gezielt ergänzt werden können. Wilde Verfütterung überdosierter Mineralstoffmischungen können im Zweifel mehr Schaden anrichten, als dass sie dem Vierbeiner nützen.

Knabbern aus Langeweile entgegenwirken
Gegen Langeweile und Frust in der Box hilft freier Auslauf. Auch im Winter sollte das Pferd die Möglichkeit bekommen sich für einige Zeit auf dem Paddock oder der Winterweide die Beine zu vertreten. Auch lange Ausritte oder ein abwechslungsreiches Training sind ideal, um dem Bewegungsdrang des Pferdes gerecht zu werden. Unabhängig davon, was ursächlich für das Nagen und Knabbern ist, muss immer kritisch geschaut werden, was die Pferde fressen, denn nicht alle Holzarten sind gut verträglich. Die Wahl des richtigen Holzes gilt nicht nur für das extra zum Knabbern angebotene Gestrüpp, sondern auch für alle Baumaterialien in Pferdenähe. Häufig sind bestimmte Holzarten im frischen Zustand noch giftig für die Vierbeiner, da sie anfangs Terpentin-Öle ausdunsten, die unverträglich für den Pferdemagen sind. Hierzu gehören Kiefer, Lärche, Fichte und Tanne. Diese Holzarten dürfen deswegen erst in Pferde-Reichweite gelangen, wenn sie abgelagert sind und nur noch eine geringe Feuchte enthalten. Bei den heimischen Eichensorten ist insbesondere die Rinde kritisch unter die Lupe zu nehmen, da diese Gerbsäure enthalten kann. Diese Säure kann empfindlichen Pferden schnell auf den Magen schlagen, weswegen Eiche besser vor der Verwendung im Stall von der Rinde befreit wird. Unbedenklich zur Benutzung im Pferdebereich ist Buchenholz, wobei auch dieses sicherheitshalber nur getrocknet zum Einsatz kommen sollte. Hintergrund ist die Anfälligkeit der Buche für Feuchte, was schnell zum Befall mit giftigen Pilzen führen kann. Schimmelpilze können beim Pferd zu schlimmen Koliken führen. Zudem ist es wichtig, dass der Pferdebesitzer weiß, dass die Früchte der Buche, die Bucheckern, hochgradig giftig sind. Es darf also ausschließlich das Buchenholz geknabbert werden.
Bereits 1000 Gramm Bucheckern sind tödlich für ein ausgewachsenes Pferd.

Vorsicht bei giftigen Holzarten
Hochgradig gefährlich sind Robinie und Eibe für den Vierbeiner, da beide Holzarten giftig sind. Knappe 150 g der Rinde können zum Tod des Tieres führen.
Da Eibe von Laien gerne mal mit Tanne verwechselt wird, ist hier besondere Vorsicht geboten. Wer sich nicht sicher ist, welches Holz ihm vorliegt, sollte lieber einen Experten zu Rate ziehen. Es muss auch darauf geachtet werden, dass auf der anderen Seite des Weidezaunes keine gefährliche Giftpflanze wächst. Um an vermeintliche Leckereien zu gelangen, kann so mancher Vierbeiner schnell kreativ werden. So wird die heimische Bepflanzung der Stallumgebung schnell zur tödlichen Falle. Aus diesem Grund haben auch Liguster oder Buchsbaumhecken nichts in der Nähe von Pferdeweiden oder Paddocks zu suchen.
Als Angebot zum Zeitvertreib in der Box oder auf dem Paddock kann dem Pferd fast alles an Weichhölzern oder Obstbaumhölzern angeboten werden. Bei sehr harzhaltigen Bäumen, wie der Kiefer, sollte der Rindenanteil nicht zu hoch sein, so dass nicht allzu viel Harz in den Pferdemagen gelangt und dort die Verdauung erschwert.
Sehr gut bewährt haben sich Weide, Birke und Haselnuss als „Kauspaß“ für den beißwütigen Vierbeiner. Auch eine kleine getrocknete Tanne „am Stück“ kann gut als Snack für die Vierbeiner dienen, denn das Knabber-Holz garantiert nicht nur eine tolle Beschäftigung, sondern trainiert zugleich Geschicklichkeit und Kaumuskulatur des Pferdes. Doch wie bei allem ist auch hier die Menge entscheidend. Sehr verfressenen Pferden, die scheinbar ohne Probleme ein halbes Wäldchen vertilgen können, sollte besser Einhalt geboten werden. Denn auch gesunde Hölzer liegen ab einer gewissen Portionsgröße äußerst schwer im Magen.

Autor: Tierärztin Hanna Katrin Stephan