Vergleicht man die Körperabwehr eines Pferdes mit einem Beruf, so wäre es ein Top-Manager mit 24-Stunden-Beschäftigung. Das Immunsystem muss vielfältige Aufgaben bewältigen, komplexe Systeme verwalten und minütlich wichtige Entscheidungen treffen: Was darf in den Organismus eindringen und was muss draußen bleiben, was gehört zum eigenen Körper und was ist fremd, ist der neue Stoff harmlos oder ein potentieller Feind? Komplizierte Abwägungen, die kaum Spielraum für Fehlentscheidungen lassen! Gerade wenn die Tage kürzer und die Temperaturen kühler werden, ist eine intakte Immunabwehr essentiell, um drohende Infekte noch vor ihrer Entstehung abzuwenden.

Wird einem die Komplexität der Körperabwehr in seiner Gänze bewusst, wird klar, welches Wunderwerk das Immunsystem täglich für unsere Pferde erfüllt.Wie immer ist ein System natürlich nur so gut wie seine einzelnen Mitstreiter. Jeder „Mann“ in der Abwehr erfüllt seine eigenen wichtigen Aufgaben und ist Teil eines komplexen, ineinandergreifenden Abwehr-Mechanismus. Unterteilt wird das Immunsystem in die spezifische und die unspezifische Abwehr. Während die spezifische Abwehr Antikörper (passend zum Eindringling) „baut“, hilft die unspezifische Abwehr über bestimmte Reaktionen eingedrungene Schädlinge abzuwehren.

Je nach Spezialisierung und Lokalisierung der einzelnen Abwehrspieler kann weiter unterteilt werden:

  • Mechanische Abwehr (Haut und Darm)
  • Chemische Abwehr (pH-Milieu)
  • Mikrobielle Abwehr (Physiologische Mikroflora)

Zentrale Abwehr – Haut und Darm

Als Bestandteil der mechanischen Abwehr sind insbesondere die großen Organe Darm und Haut als Kämpfer an vorderster Front zu nennen. Beide Organsysteme erfüllen bedeutsame, lebenswichtige Aufgaben für den Vierbeiner und sind viel mehr als nur eine passive Schutzhülle bzw. ein Verdauungsorgan. Als unentbehrliche Bestandteile des Immunsystems müssen beide Organe erkennen, welche Stoffe eine Gefährdung darstellen und welche gebraucht werden. Erkennen sie einen potentiellen Eindringling, so setzen sie schnell und effektiv eine Abwehrreaktion in Gang.

Mess- und erkennbar ist eine solche Reaktion zum Beispiel, wenn das Pferd Fieber bekommt. Der Anstieg der Körpertemperatur ist das Symptom einer Abwehrkette, welche bei einem Infekt ausgelöst wird. Durch die Temperaturerhöhung werden krankmachende Bakterien eliminiert. Der permanente Kampf zwischen Krankheitserregern und Immunsystem ist notwendig, um ein gesundes Pferdeleben zu ermöglichen. Während die Erreger beständig neue Wege suchen, das Immunsystem zu überwinden, wird die Abwehr selbst immer einfallsreicher. Doch ähnlich wie bei Fortschritten in der Technik ist ein immer „moderneres“ Immunsystem auch in gewissem Grad anfällig für Fehler und Entgleisungen. Negative Folgen können in diesem Fall Allergien, Autoimmunerkrankungen und immunvermittelte Erkrankungen sein.

Umso wichtiger ist es, den Top-Manager Pferde-Immunsystem effektiv zu unterstützen, denn in manchen Zeiten fällt besonders viel Arbeit an - wie etwa in der kalten Jahreszeit, nach überstandener Krankheit, sowie in möglichen Stresssituationen (Turnier, Transport, Stallwechsel, Scheren etc.)

Immunpower für das Pferd beginnt im Futtertrog

Eine gesunde, artgerechte und angepasste Ernährung, die den Tagesbedarf des Pferdes abdeckt und den Stoffwechsel nicht mit ungesunden Zusätzen belastet, ist die wichtigste Voraussetzung, das Immunsystem intakt zu halten. Entscheidend für eine gesunde Fütterung des Pferdes sind neben einer hohen Qualität aller Futtermittel vor allem die Rationsgestaltung und das Fütterungsmanagement. Das ursprüngliche Steppentier Pferd wird durch die künstliche Stallhaltung auf eine Fütterung umgestellt, welche nicht mehr viel mit der ursprünglichen Nahrungsaufnahme gemeinsam hat. Statt 20 Stunden am Stück zu fressen und zu kauen, werden dreimal am Tag gehaltvolle Mengen Kraftfutter und mehr oder weniger große Raufutterportionen angeboten. Für eine solch komprimierte Nahrungsaufnahme ist der relativ kleine Pferdemagen nicht gebaut. Folge können schlechte Futterverwertung, wiederkehrende Koliken und Magengeschwüre sein. Verdauungsprobleme des Pferdes entstehen dabei vor allem durch ein Übermaß an Säure.

Ein natürlicher Säureblocker ist der Pferdespeichel. Beim Fressen von Kraftfutter wird dieser in nur sehr geringem Maße produziert. Größere Speichelmengen kommen auf, wenn das Pferd längere Zeit kaut. Die Fütterung und Haltung sollten aus diesem Grund zum Ziel haben, das Pferd zum möglichst langen Kauen anzuregen. Heu zur freien Verfügung, der Zusatz von faserreichen Ergänzungsfuttern zum Kraftfutter und ausreichend langer Weidegang optimieren die Kauzeit eines Stallpferdes und können so Verdauungsprobleme effektiv vorbeugen und das Immunorgan Pferdedarm fit halten. Bei akuten Problemen und gereiztem Pferdemagen helfen Flohsamen, Leinsamen oder andere schleimbildende Zusätze der Magenschleimhaut sich zu regenerieren. Vor vermeintlichen Stressmomenten (Turnier, Transport, Tierarztbesuch, Stallwechsel o.ä.) sollte dem Pferd als Prophylaxe eine kleine Portion Heu gefüttert werden,

Ergänzend zum gesunden Futter können natürliche Zusätze im Herbst helfen die Immunabwehr anzukurbeln. Hierfür eignen sich besonders natürliche Vitamine- allen voran das Vitamin C.

Gesunde Vitamin-C-Lieferanten sind u.a. Sanddorn, Granatapfel, Arionabeeren sowie das als Superfood bekannte Camu Camu. Auch die Ergänzung mit kaltgepressten Pflanzenölen kann in der Übergangszeit als Immunbooster dienen. Zudem unterstützen die wertvollen Fettsäuren Haut und Fell, was gerade im Fellwechsel eine unerlässliche Unterstützung sein kann.

 

Author

H. K. Stephan (Tierärztin)