Sonne, Wärme, Blumen und grüne Wiesen - es gibt nichts Schöneres als nach dem kalten, dunklen Winter in den farbenfrohen Frühling zu starten. Und was Reiter freut, freut Pferd gleich doppelt! Endlich darf der langweiligen Halle entflohen werden und auch kulinarisch hat der Frühling ein besonderes Schmankerl zu bieten, denn frisches grünes Gras ist einfach lecker. Um Koliken zu vermeiden, muss hier jedoch Geduld walten und langsam angegrast werden.

Saftiges Frühlingsgras ist für Pferde wie Schokolade für kleine Kinder - einfach unwiderstehlich. Doch wie ein Dreijähriger sich ungehemmt mit Schokolade vollstopfen würde, so würde auch ein Pferd auf der grünen Wiese seine Grenzen nicht kennen. Gerade das frische Frühlingsgrün ist vollgestopft mit Eiweißen, Nährstoffen und Fruktanen (Fruchtzuckern). Dieser Nährstoffreichtum macht die leckere Köstlichkeit gefährlich für den Pferdemagen, der den ganzen Winter an getrocknetes Raufutter und portioniertes Kraftfutter gewöhnt ist. Im Gegensatz zu diesem „Wintermenü“ enthält Frischgras eine große Menge an Wasser und bedeutet damit eine große Füllmenge für Magen und Darm. Viel Nahrungsbrei bringt gleichzeitig viel Arbeit für die aufspaltenden Mikroorganismen, die den Verdauungstrakt besiedeln und alle Verdauungs Gänge am Laufen halten. Wird die Magen-Darm-Flora auf dieses „Mehr an Arbeit“ nicht langsam gewöhnt, so kommt es zu Fehlgärungen im Dickdarm, welche Ursache für die  gefürchteten Graskoliken sind. Weiterhin können die Verdauungsstörungen zu angelaufenen Beinen, Durchfall und Kotwasser führen.

Weitere gefürchtete Gefahr von übermäßigem Gras Genuss ist die Hufrehe, für die gerade Ponys eine große Anfälligkeit besitzen. Neben abgestorbenen Mikroben und sich ansammelnden Giftstoffen, sind vor allem die im kurzen, frischen Gras enthaltenen Fruktane Auslöser für Hufrehe.

Alle genannten Hufrehe-Auslöser führen zu einer gestörten Blutzirkulation des Hufes und sich dadurch dort ansammelnden Giftstoffen, welche zu massiven Hufentzündungen führen. Je nach Grad und Dauer der Entzündung kann diese bis zu einer Rotation des Hufbeins führen. Endstadium einer Hufrehe ist das sogenannte Ausschuhen. Hierbei löst sich die Hufkapsel vom Huf. In einem solchen Stadium kann das betroffene Pferd nur noch erlöst werden.

 

Als sehr reich an Fruktanen gilt das Frühjahrgras, das es bei kalten Temperaturen und Sonnenschein wächst. Entgegen der allgemeinen Annahme ist besonders kurzes Gras besonders reich an den gefährlichen Fruchtzuckern, so dass Pferde erst ab einer Graslänge von mindestens 10 Zentimetern auf die Koppel gelassen werde sollten. Ponys, die als besonders rehegefährdet gelten, sollten aus dem gleichen Grund nie auf kurze, abgefressene Koppeln entlassen werden. Denn gerade in den kurzen Halmen herrscht ein hoher Gehalt an Fruktanen. Erleidet das Pferd einmal in seinem Leben einen Reheschub, so bleibt die Anfälligkeit für diese schmerzhafte Erkrankung ein Leben lang erhalten. Für solche Vierbeiner muss das Weidemanagement deswegen besonders sorgsam angepasst und reglementiert werden.

Interessanterweise sind nicht nur nährstoffreiche, sondern auch sehr nährstoffarme Koppeln reich an Fruktanen. Für Pferdeweiden gilt deswegen eine mittlere Dünge Intensität, um den optimalen Nährstoffgehalt zu erreichen.
Neben ernährungsphysiologische Gefahren bedeutet die Freiheit auf der Koppel immer eine gewisses Verletzungsrisiko. Um dieses niedrig zu halten, sollte auf eine einwandfreie und pferdegerechte Einzäunung geachtet werden. Stacheldraht (in Deutschland für Pferde verboten!), herunterhängende Elektrozäune oder abgebrochene Latten haben auf einer Pferdeweide nichts zu suchen. Die ideale Umzäunung kombiniert stabile Holzzäune mit Elektroeinzäunung. Alternativ kann auf eine rein elektrische Umzäunung mit Holzpfählen zurückgegriffen werden. Je nach Pferdetyp und Rasse müssen die Zäune ausreichend hoch und die Koppeln ausreichend groß sein. Je mehr Platz dem Pferd zur Verfügung steht, desto weniger kann passieren, denn lange Bremswege und genügend Auslauf hemmen das Risiko von plötzlichen Stopps oder gefährlichen Kehrtwendungen. Um weitere Unfallgefahren zu minimieren, empfiehlt es sich die Pferde erst zu bewegen/zu reiten, bevor sie auf die Koppel kommen. Auf diese Weise ist schon ein wenig Energie verbraucht. Bei Koppelhaltung in Gruppen muss auf eine homogene Herdenzusammenstellung geachtet werden. Bewährt haben sich reine Stuten und reine Wallach Gruppen. Gerade in den ersten Tagen muss jedoch darauf geachtet werden, ob die Herde harmoniert und ihre Zusammenstellung gut angenommen wird.

 

Tierärztin und Springreiterin Hanna katrin Stephan gibt  Tipps fürs richtige Angrasen:

- Alle Koppeln auf Giftpflanzen zu kontrollieren

- Die ersten drei Tage nur 10 Minuten an der Hand grasen lassen, im Anschluss langsam steigern

- Stundenweiser Koppelgang erst nach 14 tägigem Intervall Angrasen

- Herde beobachten und Störenfriede rechtzeitig isolieren

- regelmäßige Zaunkontrolle

- Kontrolle von Kot und Beinen. Bei angelaufenen Beinen oder Durchfall Weidezeit sofort wieder verringern.

- Vor dem Weidegang Heu füttern. Kraftfutter hingegen aussetzen, um den ph von Magen-Darm nicht zusätzlich herabzusenken (Fruktane im Gras senken diesen ebenfalls) und Nährstoff Überladung zu vermeiden

- Ponys und Rehepferde müssen länger angegrast werden und dürfen auch danach nur stundenweise auf die Koppel

- Ergänzungsfutter mit fermentierten Mikroorganismen oder Fermentgetreide kann die Umstellung auf Gras erleichtern und die Magen Darm Flora effektiv unterstützen, um Fehlgärungen zu vermeiden

- Nach kalten Nächten sind die Pferde erst mittags auf die Koppel zu stellen, da de Fruktangehalt im Gras bei Kälte steigt.

© Autorin: Hanna Katrin Stephan