Lauschangriff beim Pferd

Ohrenerkrankungen beim Pferd

Zwei Sinnesorgane mit großen Aufgaben: Die Ohren eines Pferdes sind viel mehr als ein reines Hörorgan. Sie sind Stimmungsbarometer, Kommunikationsmittel und sorgen für das richtige Gleichgewicht. Für das Pferd als Fluchttier sind sie ein unersetzlicher Sinn, um im richtigen Moment vor Feinden zu flüchten und Unheil wahrzunehmen. Aus diesem Grund muss eine Erkrankung der Pferdeohren stets ernst genommen werden. Wichtig ist es, die Schwere und das Ausmaße von Ohrenerkrankungen richtig einzuschätzen, um dem Vierbeiner sinnvoll zu helfen.

Das Pferdeohr setzt sich aus einem äußeren Anteil „Auris externa“, dem Mittelohr „Auris media“ und dem inneren Ohr „Auris interna“ zusammen. Das Ohr besteht außen aus der Ohrmuschel und dem äußeren Gehörgang. Die Ohrmuschel sammelt wie ein Trichter alle anfallenden Geräusche und leitet sie über den Gehörgang ins Innere des Ohres. Die Gehörknöchelchen tragen die Laute an das Trommelfell weiter. Hier entstehen Schwingungen, die in das Innenohr dringen. Hier werden alle aufgenommen Geräusche über Nervenimpulse an den Hörnerv, die Gehörschnecke und weiter an das Hörzentrum des Gehirns gesendet. Das Gehirn filtert den Mix aus Geräuschen und selektiert nach unwichtig und wichtig. Ein Pferd misst demnach nicht jedem Geräusch die gleiche Bedeutung zu. Je nach Erfahrungen und Gewöhnung reagiert das Tier in der Regel ausschließlich auf für ihn fremde Klänge. Unbekanntes bedeutet nämlich in der Regel Gefahr und macht eine eventuelle Flucht nötig. Ein Pferd hat ein doppelt so gutes Hörvermögen wie der Mensch und erfasst auch Frequenzen, die für uns gar nicht hörbar sind. Dieses exzellente Hörvermögen sichert den Steppentieren das Überleben in der Wildnis. Statt erst den Kopf wenden zu müssen, schnellt ein Pferdeohr blitzschnell nach hinten, wenn es Gefahr wittert und kann diese exakt orten. Im Gegensatz zum Hund ist ein Pferd nicht so anfällig für Erkrankungen im Ohrenbereich. Da die Ohren auch anatomisch anders aufgebaut sind und nicht hängen wie bei schlappohrigen Hunderassen, müssen Pferdeohren im gesunden Zustand nicht gereinigt werden. Die kleinen Höcker, die man beim Kraulen in den Ohrmuscheln spürt, sind ein Gemisch aus Schmalz und Staub. Sie stellen eine natürliche Schutzbarriere für das Ohr dar und sind kein Grund zur Sorge. Skepsis beim Reiter sollte jedoch aufkommen, wenn sich ein Pferd „aus heiterem Himmel“ nicht mehr an den Ohren berühren lässt. Kommen weitere Symptome wie scheuern, vermehrtes Kopfschütteln und Kopfschiefhaltung hinzu, muss in jedem Fall ein Tierarzt gerufen werden.

Kopfschütteln ernst nehmen

Je nach Lokalisation der Ohrenbeschwerden kann zwischen Erkrankungen am Außen-, Mittel- und Innenohr unterschieden werden. Neben akuten Entzündungen, Parasiten oder Tumoren sind auch Fehlstellungen der Pferdeohren möglich. Eine angeborene Missbildung sind die sogenannten Stummelohren. Sie zeichnen sich durch kleine Ohren mit verkürzter Ohrmuschel aus und treten häufig bei Shetlandponys auf. Erworbene Stummelohren entstehen durch Unfälle, Bissverletzungen oder Quetschungen. Große Hängeohren sind ebenfalls eine angeborene Fehlbildung der Ohren. Durch unnatürlich große Ohrmuscheln wird das Ohrenspiel ungleichmäßig und die Ohren können nicht mehr gleichmäßig aufgestellt werden. Im Schritt und in der Bewegung baumeln die großen Ohren und wippen mit. Hängeohrige Pferde sind jedoch in keiner Weise eingeschränkt, so dass die sogenannten „Bammelohren“ lediglich einen Schönheitsfehler darstellen.

Symptome wie Juckreiz, kahle Stellen am äußeren Ohr oder verstärktes Kopfschütteln können verschiedene Ursachen haben. Zu verstärktem Kratzen und Scheuern können Parasiten und Insektenbisse führen. Bei genannter Symptomatik muss jedoch auch immer an einen Fremdkörper gedacht werden, der lange Zeit symptomlos bleiben kann. Es kann sich um winzige Grannen aus Heu oder Stroh handeln, die ins Ohr eindringen und vom Tierarzt vorsichtig entfernt werden müssen.  Große und schwere Fremdkörper sind besonders störend für das Pferd, so dass es seinen Kopf schief hält. Zudem versucht es sich mit den Hinterhufen am Ohr zu kratzen und scheuert sich an Wänden. Durch den Fremdkörper kann es im weiteren Verlauf zu Entzündungen der Pferdeohren kommen. Als „Otitis externa“ bezeichnet der Fachmann hierbei eine Entzündung der häutigen Auskleidung des äußeren Ohres. Sie kann auch im Zusammenhang mit Parasiten oder isoliert vorkommen. Geht die Entzündung mit plaqueartigen Belägen einher, ist ein Milbenbefall wahrscheinlich. Von der äußeren Form ist die „Otitis interna“ abzugrenzen. Hierbei handelt es sich um einen Infekt der inneren Ohrenstrukturen. Charakteristisch für diese Form ist ein eitriger Ausfluss des Ohres. Milde Infekte des Mittel- und Innenohres zeigen sich zudem meist durch eine plötzliche Unrittigkeit, permanentes Kopfschütteln und Reiben der Ohren. Der Tierarzt untersucht mit Otoskop und behandelt das Pferd symptomatisch mit Antibiotika. Schwerwiegende Entzündungen können die Nervenbahnen des Ohres angreifen, so dass es im Verlauf zu einem einseitig hängenden Ohr kommen kann. Je nach Ausprägung können auch Nerven von Auge und Tränendrüse betroffen sein, so dass es zu einem gestörten Tränenfluss kommt. In einem solchen Fall muss neben der ursächlichen Ohrentzündung auch das Auge und die Tränendrüse mit behandelt werden.

Schmerzhafte Ohrenerkrankungen

Ist das Fell am Rand der Ohrmuschel verklebt, kann eine Wunde oder Fistel die Ursache sein. Während kleinere Verletzungen vom Tierarzt ambulant im Stall versorgt werden können, muss eine Fistel in Vollnarkose operiert werden. Als Ohrfistel wird eine Zyste am Ohrgrund, aus der milchig-weiße Flüssigkeit heraus läuft, bezeichnet. Sie kann ein- oder beidseitig auftreten und ist meist durch einen missgebildeten Zahn entstanden. Diese fehlerhafte Zahnanlage muss operativ entfernt werden. Im Anschluss wird die Fistel bis zur Abheilung gründlich gespült, um sekundäre Infektionen und Komplikationen zu vermeiden.

Als Blutohr wird ein Hämatom in der Unterhaut des Ohres bezeichnet. Es kann an der Innen- oder Außenseite des Ohres vorkommen und wird in der Regel durch eine Quetschung verursacht. Während Großpferde eher selten ein Blutohr entwickeln, wird es beim Pony häufiger diagnostiziert. Symptome eines Blutohres sind permanente Kopfschiefhaltung, Schütteln und eine Fehlhaltung der Ohrmuschel. Im betroffenen Bereich wölbt sich die Haut vor, ist leicht schmerzhaft und warm. Bei Berührung ist eine flüssige Konsistenz der Schwellung zu fühlen. Therapiert wird der Bluterguss in der Unterhaut durch einen kleinen Schnitt, wodurch das Blutgerinnsel abgelassen wird. Dies ist jedoch erst 8-10 Tage nach der Diagnose des Hämatoms möglich, da zu diesem Zeitpunkt keine akute Blutung mehr besteht. Im Anschluss muss durch einen Verband die Haut gut auf die Unterhaut fixiert werden, um ein erneutes Einbluten zu verhindern.

Am Rand des Ohres können sich Warzen oder kugelartige Geschwülste bilden. Bei rötlichen, haarlosen Wucherungen handelt es sich meist um gutartige Tumore, die keinerlei Behandlung nötig machen. Geschwülste, die verhornt sind oder eitriges Sekret absondern, deuten hingegen auf Equine Sarkoide hin. Sarkoide sind bösartige Hauttumore des Pferdes, die durch das bovine Papillomavirus-  ein Pockenvirus des Rindes- verursacht werden. Wichtig für die Therapie ist eine frühzeitig und vollständige Entfernung des Tumors. Begleitend können neue Behandlungsmethoden wie die Licht- und Strahlentherapie die Erfolgsaussichten auf eine vollständige Heilung verbessern.

Das Ohr als Kommunikationsmittel

Neben Hör- und Gleichgewichtssinn stellen die Pferdeohren ein wichtiges Kommunikationsmittel dar. Zum Kommunizieren sind den Pferden die Ohren sogar wichtiger als ihre Augen. Am Ohrenspiel erkennen Pferde innerhalb der Herde die Stimmung ihres Gegenübers und können entscheiden ob gerade Schmusekurs oder Abstand halten angeraten ist. Genau wie mit ihren Artgenossen kommunizieren die Pferde auch mit ihrem Reiter über die Ohren. Flach angelegte Ohren zeigen einem Zweibeiner sehr deutlich wie erwünscht er gerade ist. Angelegte Pferdeohren können jedoch auch ein Ausdruck von Angst sein. Stehen die Lauscher jedoch interessiert nach vorne gerichtet, so signalisiert der Vierbeiner Aufmerksamkeit und Neugierde. Die Ohrenhaltung muss immer zusammen mit der restlichen Körpersprache beurteilt werden, um ein korrektes Gesamtbild zu erhalten.

Eine Psychologie Studie an der englischen University of Sussex hat sich ganz diesem tierischen Kommunikationsweg gewidmet. Um die Aufmerksamkeit der Tiere zu testen, nutzten die Forscher zwei Eimer mit Futter. Dazu wurde den hungrigen Vierbeinern lebensgroße Fotos von Artgenossen, die Augen und Ohren auf einen der beiden Eimer gerichtet hatten, gezeigt. In etwa 75 Prozent der Fälle wählten die Pferde den Eimer, für den sich auch Pferd auf dem Foto zu interessieren schien. Wurden Ohren und Augen der „Fotopferde“ abgedeckt, so wurde sich zwischen den Eimern gleich häufig entschieden. Hier ging es demnach ganz nach dem Zufallsprinzip. Eine weitere Auffälligkeit war, dass die Pferde den Artgenossen mit verdeckten Augen und Ohren weniger Zeit ihrer Aufmerksamkeit schenkten und direkt das Futter ansteuerten. Dies ist als klarer Beweis für die große Gewichtung der Ohren als Kommunikationsmedium zu werten. Aufgrund dieser großen Bedeutung der Ohren für das Pferd, verwundert es nicht dass die tierischen Lauscher beinahe nie still stehen. Ein anhaltender Ohren-Stillstand kann deswegen auf Schmerzen, Unwohlsein oder Angst hindeuten. Das Ohrenspiel geht ebenso verloren, wenn Pferde beim Reiten resignieren, weil ihnen der Mensch beispielsweise den Kopf auf die Brust zieht oder das Tier zu eng ausbindet.  Schönere Momente sind hingegen, wenn die Pferdohren aus Zufriedenheit zur Seite geklappt werden, wie beim Kraulen oder Dösen. Ein Reiter sollte die spannenden Sinnesorgane seines Pferdes immer gut im Auge behalten – und sie regelmäßig sanft kraulen.

Hanna Katrin Stephan